Mittwoch, 4. Februar 2015

Textprobe Theaterstück
I NEVER TALK TO STRANGERS



4. Szene:

Obdachlosenheim, Männerschlafsaal.

Tom:
Sweetheart! Die wollen uns trennen, die wollen uns auseinander bringen! Die haben doch keine Ahnung, Sweetheart! Ist doch alles Scheiße hier! Und dieser ständige Lärm! Wie soll denn da so etwas wie Sozialromantik aufkommen? Ja, natürlich! Ein Leben auf der Straße ist hart! Ein Leben auf der Straße ist nichts Angenehmes! Das würde ich keinem Menschen wünschen, und wir müssen uns mit aller, von Gott gegebenen Kraft dagegen wehren, bla, bla, bla! Aber was ist, wenn ich mich nicht wehren will? Was ist, wenn ich eure top sanierten Altbauwohnungen zum Kotzen finde? Wenn ich euer Internet nicht brauchen will? Wenn ich keine verdammten Erdbeeren mit Schlagsahne essen will? Ich will eure Rechnungen nicht bezahlen! Ich will meine Zeit nicht mit Steuererklärungen verscheißen! Ich will mir keine Sekunde mehr verderben lassen von eurem Kleinscheiß- Gerotze! Sorgen, immer Sorgen! Wir haben solche Angst! Nein, wir können nicht auf Urlaub fahren, wir müssen sparen! Ein Urlaub braucht ein Hotel, braucht Geld zum Essengehen, braucht Komfort, sonst ist es kein Urlaub! Ich scheiß auf eure Urlaube und ich scheiß auf euren Komfort! Euer Komfort heißt Angst, euer Luxus bedeutet schlaflose Nächte, in denen ihr überlegt, wo ihr sparen könnt, damit ihr euch irgendwann vielleicht doch einen kleinen Luxus leisten könnt, wenn dann der Aufschwung kommt! Ihr lebt am Glück vorbei! Ich scheiß auf euer Glück! Ich scheiß auf eure Sorgen! Ich werde keine Rechnungen bezahlen, und wenn ihr mich auf die Straße werft und ich obdachlos werde! Uhps! Ich bin schon obdachlos! Ha! Ich pfeif auf euer Obdach! Sweetheart! Wir müssen hier raus! Sweetheart!

Frauenschlafsaal.

Betty:
Wann hat das Leben angefangen, keinen Spaß mehr zu machen? Wann hat sich das Glück gedacht: Ich pfeif auf diese Penner und geh zu wem anderen? Vielleicht brauchen die mich dringender, oder vielleicht gefällt es mir bei denen besser! Es hat sie ja oft genug gewarnt. Es hat sich ja um sie bemüht, doch irgendwann hat sich das Glück gedacht: Bitte! Aufdrängen tu ich mich nicht, das hab ich nicht Not! Da bin ich mir zu schade dafür! Und zack, war es weg, so schnell haben sie gar nicht schauen können! Vielleicht haben sie ja was falsch gemacht! Vielleicht haben sie immer schon gewusst, dass es falsch ist. Nur, wer will das gerne hören? Sie, vielleicht?

Männerschlafsaal.

Tom:
Sweetheart! Betty! Wir müssen hier raus! Lass uns abhauen! Sweetheart!

Frauenschlafsaal.

Betty:
Und jetzt versuchen diese Penner, ihr Glück wieder zu finden! Aber wo sollen sie denn suchen? Wissen ja gar nicht, welches Glück sie suchen! Sagt ihnen ja auch keiner! Sagt ja jeder was anderes! Erzählt dir ja jeder was anderes, was dein Glück sein soll! Und dann stehst du da und alles, was sie sagen können, ist: „Tschuldigung! Das ist nicht unsere Schuld, dass du dabei nicht glücklich geworden bist! Aber da können wir jetzt nichts machen! Wir haben Ihnen das Glück verkauft, das Sie von uns haben wollten. Wenn Sie das unglücklich gemacht hat, ist das natürlich irgendwie scheiße, aber wir haften nur für Produktfehler, und das Produkt war bei der Auslieferung einwandfrei!“. Und wenn gar nichts mehr geht, sagen Sie dir: „Das Glück ist in uns Selbst! Nur in Dir selbst! “. So einen Scheiß zu glauben, ist schlimmer als Fernsehen ohne Cashews! So viel Scheiße, wie überall passiert, da bräuchte man Tonnenweise Cashews, damit man nichts mitbekommt! Da müsste man unentwegt Cashews essen, damit man ruhig schlafen kann, und die Äuglein verschließt vor ihren Lügen. Aber versuchen sie einmal zu schlafen, wenn sie Tonnenweise Cashews in sich hineingestopft haben! Da reicht eine Packung und ihr Bauch fühlt sich an wie eine Betonmischmaschine.

Männerschlafsaal.

Tom:
Sweetheart! Ach, scheiß drauf! Wie soll die mich denn auch hören bei diesem ständigen Lärm! Sweetheart!

Frauenschlafsaal.

Betty:
Wir haben unser Glück verloren. Wir haben noch nie Glück gehabt! Warum? Weil es gar kein Glück gibt! Glück ist Einbildung! Genau wie Gott, oder wie Demokratie! Glück ist Bullshit! Genauso wie: "Man darf keine Champignons aufwärmen, da werden sie giftig!". So ein Scheiß! Ich habe schon zigtausend mal Champignons aufgewärmt und bin noch nie daran gestorben! Da gibt` s sicher bessere Beispiele, fällt mir aber jetzt keiner ein. Ja, vielleicht… mit wem red ich denn überhaupt?

Tom, der sich anscheinend in den Frauenschlafsaal geschlichen hat, steht hinter ihrem Bett und flüstert ihr was ins Ohr. Sie erschrickt.

Betty:
Tom, du Wahnsinniger, hast du mich erschreckt! Was machst du hier? Ladies only! Freut mich, dich zu sehen! Ich rede seit Stunden mit mir selbst. Die Leute hier sind nicht besonders gesprächig.

Tom:
Ich weiß, Sweetheart, deswegen bin ich ja hier! Mir ist langweilig. Mein Bettnachbar wollte nicht einmal an meiner Erdbeerseife riechen!

Betty:
Was, an der geilen, die du im Body Shop geklaut hast?

Tom:
Natürlich! Glaubst du, ich verwende eine, wo Tierversuche gemacht werden und der ganze Scheißdreck? Ne, ne! Das kannst du auf der Verpackung lesen, dass da sicher nichts mit Tierv… hab ich verloren, die Packung! Da, magst du mal riechen, Sweetheart?

Betty: sie riecht an der Seife
Mann, ist die geil! Verglichen mit dem scheiß Duschgel, das die hier haben! Aber wenigstens werden die Viecher getötet! Echt ätzend, das Zeug!

Tom:
Da hast du recht! Und nachdem wir jetzt clean und keimfrei sind, schlage ich vor, wir schnappen uns unser Zeugs und verduften! Machen die Welt draußen ein wenig keimfreier! Was sagst du, Sweetheart? Ready for a ride?

Betty:
Aber das Bett hier ist so warm! Was hältst du davon, wenn du jetzt wieder runter gehst und wir eine Nacht hier pennen? Und morgen machen wir gemeinsam eine Fliege!

Tom:
Mann! Was soll ich denn hier? Das macht mich depressiv!

Betty:
Aber draußen hat es minus 10 Grad!

Tom:
Na und!? Kälte ist Einbildung, Kälte ist Bullshit! Komm, wir checken uns eine Flasche Weinbrand und geben uns die Kante! Das wärmt von innen!

Betty:
Nein, du kriegst mich heute sicher nicht hier weg! Da musst du mich schon...

Stimmen:
Da drüben ist er!
Tom:
Scheiße! Die Wichtigtuer!

Zwei Aufseher, gespielt von den Schauspielern der beiden Polizisten, betreten den Schlafsaal und nähern sich den beiden Obdachlosen. Der 1. Pfleger, gespielt vom 1. Polizisten, nimmt Tom am Arm.

1. Pfleger:
So, mein Freund! Jetzt gehen wir schön wieder runter in den Männerschlafsaal! Du kennst die Regeln, Tom!

Tom:
Hey! Nicht so grob, ja! Und überhaupt bin ich nicht Tom, sondern die Nummer 79! Wenn ihr uns schon Nummern gebt, dann benützt sie auch gefälligst! Woher kennt der überhaupt meinen Namen?

2. Pfleger:
Ach bitte, Tom, so oft wie du bei uns bist! Jeder Pfleger kennt dich und Betty!

Tom:
Moment! Ich kenn euch nicht! Ich bin zum Ersten mal hier! Mein Name ist Nummer 79 und der meiner bezaubernden Begleitung schaut auf ihre Nummer, die am Nachthemd steckt Nummer 67! Aber das ist jetzt auch völlig unwichtig, da wir gerade im Begriff waren, euer verranztes, verwanztes, dreckiges, kleines Rattenloch, nix für Ungut, aber es ist mir tatsächlich ein Rätsel, wie ihr zwei gut aussehenden, talentierten Jungs es so lange hier aushalten könnt, ...äh Scheiße, Faden verloren, zu viele Gliedsätze! Ach ja: Wir werden... bla bla bla, ja! Euer verranztes, stinkendes Rattenloch verlassen und irgendwo da draußen eine fette Party schmeißen, zu der wir euch, soweit ihr keine anderen Verpflichtungen habt, von Herzen einladen!

1. Pfleger:
Ihr geht heute nirgendwo mehr hin, Tom!

Tom:
Nennt der mich schon wieder Tom, dieser Rüpel!

Betty:
Tom, beruhig dich! Sonst schmeißen die uns noch raus!

Tom:
Das sollen sie ja! Schmeißt uns raus, na macht schon! Schmeißt zwei hilfesuchende, der Verzweiflung nahe Menschen raus auf die Straße. Lasst sie in ihren Obdachlosenflanell- Pyjamas bei 10 Grad unter Null erfrieren! Mörder!

2. Pfleger:
An deiner Stelle würde ich aufpassen, Nummer 79! Du weißt, was beim letzten Mal passiert ist!

Tom:
Ich war noch nie zuvor hier in diesem abartigen „Was Auch Immer“- Heim! Ich kenn euch nicht, und ich will euch auch nicht kennen!

2. Pfleger:
Das wird ins Auge gehen, Tom!

Tom:
Ja, ins Nudelaug!

Tom tritt dem 2. Pfleger in seine Weichteile und beißt dem 1. Pfleger in die Hand. Er reißt das Kopfkissen aus Betties Bett und fuchtelt damit wild in der Luft herum um die Pfleger abzuwehren.

Tom:
Gib mir die Hand, Sweetheart! So ist es recht! Kommt mir nicht zu nahe, ihr willenlosen Sklaven eines Führerlosen Henkerregimes! Flüchtet, lauft um euer Leben, ihr Mitläufer, ihr Handlanger des Bösen!

1. Pfleger: können sich das Lachen nicht verkneifen
Ich hab doch gesagt, wir brauchen Pistolen!

2. Pfleger:
Tom, gib das scheiß Kissen her, damit kannst du nicht viel ausrichten!

Tom:
Du willst das Kissen haben? Gut! Hier hast du das scheiß Kissen!

Tom wirft ihnen das Kissen ins Gesicht, reißt das metallene Kopfteil aus dem Nebenbett und wehrt somit die Pfleger ab.

2. Pfleger:
Tom! Gib das scheiß Gestell her!

Tom:
From my cold, dead hands!

Tom und Betty versuchen, zum Ausgang zu gelangen. Tom benutzt das Metallgestell, abwechselnd um sich zu wehren und um damit an den anderen Betten Lärm zu machen. Sie laufen im Kreis, gefolgt von den Pflegern.

Tom:
Ihr werdet hier zu Unrecht festgehalten! Ihr werdet von einem menschenverachtenden System weggesperrt. Das System kennt euch nicht! Das System interessiert sich nicht für euch! Es will euch nicht sehen! Nur manchmal holen Sie euch raus und geben euch ins Fernsehen, damit die anderen Angst bekommen! Damit die anderen Angst bekommen und mit vollgeschissenen Hosen alles machen, was die paar Schweine ihnen sagen. Und sie machen` s, machen` s brav und mucken nicht auf, ein Leben lang, nur damit sie ja nicht so werden wie wir! Hey! Man hat euch euren Job weggenommen! Man hat euch eure Frauen, eure Kinder, euer Haus geklaut! Und jetzt nehmen sie uns noch die Straße und stecken uns in ein Heim, damit sie uns nicht sehen müssen!

Stimme einer Obdachlosen:
Aber draußen hat es minus 10 Grad! Ich bin ganz froh, dass wir hier drin sind!

Stimme einer anderen Obdachlosen:
Genau, sie hat recht! Halt die Schnauze!

Tom:
Ich soll die Schnauze halten? Ich soll die Schnauze halten? Und wer hält ihnen die Schnauze zu? Wer hält ihnen die Schnauze zu, wenn sie uns erzählen, dass alles wieder besser wird? Wer hält ihnen die Schnauze zu, wenn sie sagen, die Scheiße ist überstanden, und die Schuldigen werden blechen? Wer hält ihnen die Schnauze zu, wenn sie sagen, dieses mal machen wir alles anders? Wer hält ihnen die Schnauze zu, wenn sie sagen, in Europa wird nie jemand verhungern? Wer hält ihnen die Schnauze zu, wenn sie uns eine Lüge nach der anderen auftischen? Wer hält ihnen die Schnauze zu, wenn sie sagen: „Jetzt aber ran an die Arbeit! Gemeinsam kommen wir da raus! Gemeinsam sind wir stark!“? So ein Schwachsinn! Aber wehe! Wehe, wenn du ihren Lügen nicht mehr glaubst! Dann seifen sie dich ein! Dann lassen sie dich holen, dann stecken sie dich ins Heim! Dann sagen sie: „Komm! Bemüh dich! Du kommst da raus! Du kannst dich wieder hocharbeiten! Wir passen schon auf dich auf! Jetzt ist alles anders!“. Ha! Doch du zeigst ihnen deinen blanken Arsch! Jawohl! Du lässt dich nicht länger verarschen! Es hat sich ausgearscht! Wer von euch will sich nicht länger verarschen lassen? Wer will frei sein? Ich bin die Nummer 79! Ich bin nicht besser als ihr, ich bin nicht schlechter als ihr! Ich bin die Nummer 79! Es ist kurz vor Weihnachten und es schneit noch immer nicht! Polster fassen, wir gehen aufs Dach!